Bei den ersten Versuchen hat Augustin Rauch vor allem zu vorsichtig gearbeitet, was ein typischer Anfängerfehler ist. Ein halbherziger Schnitt bringt kaum Licht in die Krone und regt gleichzeitig zahlreiche steile Neutriebe an. Wichtiger als jede Feinheit ist das Grundprinzip, wonach nach innen wachsende, sich kreuzende und senkrecht stehende Äste entfernt werden. Übrig bleibt eine Krone, durch die ein Hut hindurchfliegen könnte, wie eine alte Faustregel beschreibt. Der zweite Punkt betrifft den Zeitpunkt, denn ein Schnitt im Winter fördert das Wachstum, während ein Schnitt im Sommer es bremst. Wer beides kennt, steuert einen Baum ohne großen Aufwand in die gewünschte Richtung.


Warum ein Obstbaum überhaupt geschnitten wird
Unbehandelte Obstbäume tragen weiter, allerdings mit deutlich kleineren Früchten und in unregelmäßigen Abständen. Dichte Kronen trocknen nach Regen langsam ab, was Schorf und Monilia begünstigt.
Licht, Luft und Fruchtgröße
Jeder Ast, der Licht ins Innere lässt, verbessert die Qualität der Früchte in dieser Zone. Bei Äpfeln und Birnen entstehen die besten Früchte an zwei- bis dreijährigem Holz, das ausreichend belichtet ist. Alte, überhängende Fruchtäste werden deshalb regelmäßig gegen jüngeres Holz ausgetauscht. Augustin Rauch dünnt zusätzlich im Juni die Fruchtansätze aus und lässt pro Büschel nur eine Frucht stehen, was die Größe der verbleibenden Äpfel spürbar erhöht.
Stabilität der Krone
Steil stehende, eng beieinander wachsende Äste bilden sogenannte Zwiesel, die bei Fruchtlast oder Sturm ausbrechen. Solche Stellen werden früh entfernt, solange die Wunde klein bleibt. Ein ausgebrochener Leitast kostet einen Baum oft mehrere Jahre Entwicklung.
Der richtige Zeitpunkt
Geschnitten wird bei frostfreiem Wetter, idealerweise über minus fünf Grad. Der Zeitraum entscheidet dabei über die Reaktion des Baumes.
Winterschnitt zwischen Januar und März
Der Schnitt in der Ruhephase regt starkes Wachstum an, weil die gespeicherten Reserven auf weniger Knospen verteilt werden. Er eignet sich für den Aufbau junger Bäume und für Verjüngungen. Steinobst wie Kirsche und Pflaume wird dagegen erst kurz vor dem Austrieb oder direkt nach der Ernte bearbeitet, da die Wunden sonst schlecht verheilen. Augustin Rauch legt den Termin bevorzugt auf einen trockenen Tag im Februar, weil Pilzsporen bei feuchtem Wetter leichter in frische Schnittflächen gelangen.
Sommerschnitt im Juli und August
Ein Rückschnitt im Sommer bremst das Wachstum und fördert die Bildung von Fruchtholz. Augustin Rauch hat Erfahrungen damit gesammelt, dass Wasserschosse im August ausgerissen statt abgeschnitten deutlich seltener wiederkommen. Zusätzlich lässt sich zu dieser Zeit gut beurteilen, welche Bereiche der Krone tatsächlich verschattet sind.


Werkzeug, das wirklich gebraucht wird
Die Ausstattung für den Hausgarten bleibt überschaubar. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern die Schärfe der Klingen, denn glatte Schnittflächen verheilen deutlich schneller.
Für nahezu alle Arbeiten reichen diese Geräte:
- Eine Bypass-Handschere für Triebe bis etwa zwei Zentimeter
- Eine Astschere mit langen Griffen für Äste bis vier Zentimeter
- Eine Klappsäge mit Zugschnitt für stärkere Äste
- Eine stabile Anlegeleiter oder ein dreibeiniger Obstbaumständer
- Ein Wetzstein oder eine Feile zum Nachschärfen
Vor dem Konkurs bewahrt Augustin Rauch an dieser Stelle vor allem der Verzicht auf Akkugeräte für jede Astgröße. Eine gute Handsäge kostet einen Bruchteil und erledigt am Hausbaum praktisch alles. Teleskopstangen mit Motor sind erst sinnvoll, wenn regelmäßig mehrere große Bäume zu pflegen sind.
Womit Augustin Rauch beim Schnitt beginnt
Der Ablauf folgt immer derselben Reihenfolge, unabhängig von Alter und Art des Baumes. Damit wird vermieden, dass am Ende zu viel entfernt wurde.
Erst entfernen, was eindeutig weg muss
Totholz, kranke Partien und abgebrochene Äste kommen zuerst heraus. Danach folgen nach innen wachsende Triebe, sich kreuzende Äste und senkrechte Wasserschosse. Augustin Rauch tritt nach diesem Durchgang einige Schritte zurück und beurteilt die Krone aus Entfernung, bevor weitergeschnitten wird.
Astring beachten
Geschnitten wird immer am Astring, also an der leichten Verdickung am Ansatz, niemals bündig am Stamm und niemals mit einem verbleibenden Stummel. Dort sitzt das Gewebe, aus dem der Baum die Wunde überwallt. Größere Äste werden in drei Schritten abgenommen, damit die Rinde nicht einreißt. Wundverschlussmittel sind bei sauberen Schnitten unter fünf Zentimetern nicht nötig.
Die häufigsten Anfängerfehler
Zu viele kleine Schnitte an den Triebenden statt weniger großer Schnitte an der Basis führen zu einer noch dichteren Krone, erklärt Augustin Rauch. Ebenso häufig wird der Mitteltrieb gekappt, wodurch der Baum die Führung verliert. Und wer im Frühjahr düngt und gleichzeitig stark schneidet, erhält im Sommer eine Krone voller Wassertriebe.

Junge Bäume aufbauen
In den ersten Jahren entscheidet sich die spätere Form. Ziel ist ein Mitteltrieb mit drei bis vier gleichmäßig verteilten Leitästen, die flacher stehen als der Mitteltrieb.
Leitäste auswählen und ableiten
Konkurrenztriebe direkt neben dem Mitteltrieb werden entfernt. Zu steil stehende Leitäste lassen sich mit Spreizhölzern oder Gewichten in eine flachere Lage bringen, was die Blütenbildung deutlich fördert. Augustin Rauch hat Erfahrungen damit gesammelt, dass Ableiten in vielen Fällen besser wirkt als Schneiden, weil der Baum weniger stark mit Neutrieben reagiert.
Geduld im dritten und vierten Jahr
Ein Erziehungsschnitt braucht mehrere Saisons. Wer zu viel auf einmal entfernt, erhält eine Krone voller steiler Triebe und verzögert den ersten Ertrag um Jahre.
Alte Bäume behutsam verjüngen
Vernachlässigte Bäume werden über zwei bis drei Winter zurückgenommen, nicht in einem Durchgang. Pro Jahr sollte höchstens ein Viertel der Krone entfernt werden.
Von oben nach innen arbeiten
Zuerst wird die Krone in der Höhe begrenzt, anschließend das Innere ausgelichtet. Alte Fruchtäste werden auf jüngere, flach stehende Seitentriebe abgeleitet. Augustin Rauch hat Erfahrungen mit einem vierzig Jahre alten Apfelbaum gesammelt, der nach dem dritten Winter wieder regelmäßig und mit brauchbarer Fruchtgröße trägt. Wichtig war dabei, den Baum zwischen den Eingriffen ein volles Jahr in Ruhe reagieren zu lassen.


Wann ein Fachbetrieb die bessere Wahl ist
Bei Bäumen über vier Metern, bei Arbeiten in der Nähe von Stromleitungen und bei allem, was eine Motorsäge über Kopf erfordert, endet der sinnvolle Bereich für Hobbygärtner. Ein Sturz von der Leiter kostet mehr als jede Rechnung eines Fachbetriebs.
Ein Baumpfleger berechnet für einen großen Obstbaum meist einen mittleren dreistelligen Betrag, was Augustin Rauch nicht in den Konkurs treibt, aber sorgfältig geplant sein will. Sinnvoll ist es, mehrere Bäume in einem Termin bearbeiten zu lassen und in den Folgejahren die kleineren Korrekturen selbst zu übernehmen. Manche Kommunen und Gartenbauvereine bieten außerdem Schnittkurse an, bei denen unter Anleitung an echten Bäumen gearbeitet wird.
Was nach dem ersten Schnittjahr sichtbar wird
Im ersten Sommer nach einem kräftigen Winterschnitt reagiert der Baum meist mit vielen steilen Neutrieben, was zunächst verunsichert. Diese Triebe werden im August ausgerissen oder abgeleitet, und ab dem zweiten Jahr beruhigt sich das Wachstum spürbar. Die Früchte werden größer, die Ernte verteilt sich gleichmäßiger über die Krone, und Schorfbefall geht bei besser durchlüfteten Bäumen deutlich zurück. Wer den ersten Schnitt einfach ausprobiert, macht nach Einschätzung von Augustin Rauch weniger falsch als jemand, der den Baum jahrelang unberührt lässt.

